Text
Schreiben Sie, was Sie sehen oder hören! Schreiben Sie nie, was Sie nicht wissen können!
So riet mir Hans Georg Puttnies 1986, als ich vor leeren Zetteln saß und keine Idee hatte, was ich erzählen sollte über die zwölf schönen Mädchen.
Im Frühjahr 2004 sollte eine Anzeige gestaltet werden für einen Versicherungsmakler – Puttnies' Worte im Kopf, schrieb ich eine kurze Geschichte zu Saeidehs Entwurf.
Der Text gefiel, und wir bekamen den nächsten Auftrag. Wir durften eine Imagebroschüre gestalten:
[Über die Zeit: Ein Versuch].
[EISZEIT:]
Vorsorge. Wen kann ich fragen?
Manchmal gehen wir durch Straßen und wissen später nicht, was uns begegnet ist. Ein andermal sehen wir Dinge, die uns vorher nie aufgefallen sind. Dann staunen wir wie Kinder, die an einem kalten Wintermorgen die ersten Eisblumen am Fenster entdecken:
Woher sind sie gekommen? Und wohin gehen sie? Was war gestern? Und was wird morgen sein?
[FRÜHZEIT]
Zukunft. Wer berät mich?
An vielen Tagen öffnen wir die Tür, und alles scheint wie immer. Und dann, eines Morgens, weckt uns plötzlich ein frischer Duft, während die Sonne den Nebel verjagt. Wir müssen blinzeln: Im Topf auf der Terrasse sprießt ein kleiner Keim. Und hatte das Wasser des Flusses nicht gestern noch eine andere Farbe?
Wir schließen die Augen und riechen feuchte Erde: Alles bewegt sich, lebt aufs Neue. Es ist Frühling. Genau wie letztes Jahr.
[REGENZEIT]
Vorsorge. Was ist wichtig?
Es gibt Tage, da scheint uns nichts zu gelingen. Auf dem Weg nach Hause fängt es an zu regnen. Zu guter Letzt verpassen wir den Bus.
Wir gehen schneller: Jeder Kiesel erhält einen Tritt, jede Pfütze einen schiefen Blick. An der Weggabelung steht derselbe alte Baum wie immer. Wir schauen nach oben:
Auf dem großen Ast sitzt ein Eichhörnchen und knabbert an einer Haselnuss. Geschickt dreht es sie mit beiden Pfoten, während es furchtlos zu uns hinunterschaut.
Mit einem Mal wird uns warm: Wie wenig fehlt uns, dass wir zufrieden sind?
[ZEIT UND KRAFT]
Zukunft. Mit wem kann ich sie planen?
Cabo de São Vicente. Am Leuchtturm. Wer je dort an der weiß getünchten, sanft geschwungenen Mauer lehnt und mit den Augen den Horizont sucht, dem erzählt der raue und salzige Wind von fremden Ländern und Zeiten.
Ein paar Meter tiefer arbeitet das Wasser an neuen Skulpturen aus Fels. Wir bewundern seine Kraft, die nie zu enden scheint.
Über uns ziehen Möwen ihre Kreise. Und während wir da stehen an der kleinen Mauer, ahnen wir plötzlich, was möglich ist.
[AUSZEIT]
Zeit. Wie geht es weiter?
Wenn der erste Schnee nachts fällt, ist er am schönsten. Selbst auf den großen Straßen wird es still. Ein Taxi fährt langsam vorbei: Sanft nagelt der Diesel. Ampeln schalten zwischen Rot und Grün hin und her, als dienten sie einzig dem Zweck, die fallenden Kristalle zu beleuchten. Während die Flocken die Stadt in den Schlaf schicken, färbt sich der Himmel zart rosa, dort, wo wir den Flughafen vermuten.
Wir staunen: Leise verabschiedet sich das Jahr. Und scheint dem Kalender Recht zu geben.
